| Editorial aus: Heilpädagogische
Forschung Nr. 1 2000
"... spricht sich der
Wissenschaftsrat gegen eine Fortsetzung des Aufbaustudienganges
Sonderpädagogik aus."
Das Jahr 2000 beginnt für die universitäre Behindertenpädagogik
mit schlechten Vorzeichen: Mit diesem, im Januar 2000 veröffentlichten
Votum eines der gewichtigsten Wissenschaftsgremien unseres Landes,
des Wissenschaftsrates, scheint die Sonderpädagogik endgültig auf
das universitäre Abstellgleis geschoben zu werden, indem sie vermeintlichen
gesellschaftlichen Prioritäten, v.a. aber dem Rotstift,
geopfert zu werden droht.
Eine alte therapeutische Regel bewahrheitet sich
hier: Auch Ratschläge können Schläge sein. Begründet
wird der Ratschlag des Wissenschaftsrates u.a. mit der Prognose,
künftig könne kaum noch ein Land seinen gesamten Sonderschullehrernachwuchs
in allen Fächern ausbilden. Dieser Argumentationslogik folgend müssten
derzeitige Ausschreibungen und Lehrstuhlbesetzungen z.B. in Gießen,
Hamburg, Köln, Würzburg, sofort zurückgezogen bzw. eingestellt werden.
Tatsächlich stellen sich also die gegenwärtig sichtbaren
Trends aufgrund einer unabweisbaren Bedarfslage völlig an ders dar.
Sämtliche Bundesländer, die Stadtstaaten eingeschlossen, bieten
eigene, unterschiedlich ausdifferenzierte Ausbildungsgänge an, in
mehreren Bundesländern (Hessen, Nordrhein- Westfalen, Niedersachen,
Baden-Württemberg, Bayern) sogar an mehreren Universitätsstandorten.
Sämtliche Neue Bundesländer haben aus guten Gründen inzwischen (vom
Wissenschaftsrat unhinterfragte) Ausbildungsgänge etabliert.
Der Wissenschaftsrat spricht also von einer Zukunft
der Ausbildung für Sonderpädagogik, der eine gegenläufige Gegenwart
gegenübersteht. Vom Wissenschaftsrat prognostizierte Entwicklungen,
die nach Expertenurteil gar nicht absehbar sind, sollen ab sofort
exekutiert und folglich bestehende, produktive Universitätsinstitute
liquidiert werden.
Vermutlich hat der Wissenschaftsrat aus gutem Grund
darauf verzichtet, den Sachverstand einer Expertenkommission, die
sich in Fragen der Sonderpädagogik auch auskennt, heranzuziehen.
Wenn man dem Votum des Wissenschaftsrates
folgend so verfahren und Angebote an Studiengängen in Sonderpädagogik
einstellen würde, wäre in qualitativer und quantitativer Hinsicht
(eine Pensionierungswelle von Sonderschullehrern steht bevor) Schaden
unabweisbar.
Nicht nur aus der Sicht der Gefährdung behinderungsspezifischer
Forschung, einer sensiblen Schnittstelle der HEILPäDAGOGISCHEN FORSCHUNG,
halte ich die anstehenden Entwicklungen für äußerst problematisch.
Ich habe deshalb an den Herrn Generalsekretär des Wissenschaftsrates,
Dr. Winfried Benz, geschrieben: Bei diesem Votum dränge sich der
zwingende Eindruck auf, dass die im Gutachten genannten Gründe gar
nicht dafür herhalten können, eine so gravierende Empfehlung auszusprechen
wie die Einstellung eines Studienganges in Sonderpädagogik. Auch
der mögliche Grund, dass nun einmal aus Profilierungsgründen irgendwo
eingespart werden müsse, sei nicht tragfähig genug, um eine etablierte
Wissenschaftskultur zum Ersterben zu bringen.
Ich schrieb dem Herrn Generalsekretär auch: Das
Votum des Wissenschaftsrates habe auf vielen lokalen, regionalen
und nationalen Ebenen bei Behinderten- und Sonderschullehrerverbänden
bereits deutliche Unruhe ausgelöst, und deshalb wäre allen Betroffenen
an einer sachverständigen Auskunft gelegen. Falls vom Wissenschaftsrat
eine Reaktion auf mein Schreiben erfolgt, werde ich sie der Leserschaft
der HEILPäDAGOGISCHEN FORSCHUNG zur Kenntnis bringen.
In anderer Hinsicht hat das Jahr 2000 jedoch glücklicher
für die HEILPäDAGOGISCHE FORSCHUNG begonnen: Nachdem die Kollegen
Paul Nater von der Humboldt-Universität zu Berlin, Hans Stadler
von der Universität Dortmund und Johann Borchert, Universität Kiel,
mit der Begutachtung der eingehenden Manuskripte zeitweise stark
belastet waren, war es Zeit, den Fachbeirat zu erweitern. Ihm gehören
ab sofort drei weitere Persönlichkeiten an:
Prof. Dr. Adriana Schuler von der San Francisco
State University, Dr. Adrienne Biermann von der Universität Leipzig,
Dr. Henri Julius von der Universität Potsdam. Während Adriana Schuler
als internationale Expertin der Sonderpädagogik bereits einen Namen
hat, handelt es sich bei Adrienne Biermann und Henri Julius um jüngere
Kollegen, die als vielversprechender Nachwuchs noch nicht all zu
bekannt sind. Alle Neuankömmlinge des Fachbeirates werden
demnächst ausführlicher an dieser Stelle vorgestellt.
Ihr
Herbert Goetze
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