"Vernetzung der Sonderpädagogik!"
"Auflösung der Fachrichtungen!"
"Systemische Sonderpädagogik!"
Solche und andere Appelle sind allenthalben zu hören. Und wer sich erlaubt, in diesem
Kanon nicht mitzusingen und andere Lieder anzustimmen, der gerät leicht in den Ruf eines
ewig gestrigen, unverbesserlichen Eigenbrötlers, dessen Irrwege ihn im Laufe der Zeit in
die Sackgasse führen werden.
Wenn mir solche Absichtserklärungen zu Gehör oder Gesicht kommen, reagiere ich mit
einer Portion Skepsis. Ich frage mich nämlich: Was müsste sich denn ändern, wenn
Vernetzung und systemisches Denken in der sonderpädagogischen Forschung ernst genommen
würden? Diebanale Antwort lautet: Man müsste das, was andere tun, zur Kenntnis nehmen
und mit diesen anderen mit dem Ziel in Kontakt treten, eine Kooperation aufzubauen und zu
realisieren. Wenn ich allerdings diese logischen Konsequenzen auf die Protagonisten von
Systemik und Vernetzung zurück beziehe, muss ich feststellen: Sie scheitern bereits an
der ersten Stufe. Scheuklappenartig saugen sie auf, was ins Konzept passt, ohne über den
eigenen Horizont zu schauen.
Dabei bieten die neuen Medien doch alle Voraussetzungen dafür, vernetzte Kommunkation
erst einmal im Stillen, am Schreibtisch-Computer, zu betreiben. Wer heute behauptet, dass
es zu einer bestimmten Fragestellung noch keine Untersuchungsergebnisse gäbe, stellt sich
selbst ein Armutszeugnis aus; er hat in der Regel nicht ausreichend recherchiert.
Mir fallen zwei Beispiele zur Blinde-Fleck-Ideologie ein: Kenntnisnahme von
Ergebnissen des Auslandes sowie solcher der benachbarten Disziplinen. Neulich hörte ich
von jemandem, der mit Stolz verkündete: Er habe es geschafft, keine einzige amerikanische
Quelle in seiner wissenschaftlichen Arbeit zitiert zu haben. Was wird man von einer
solchen Arbeit wohl zu halten haben, die in Zeiten des WWW Erkenntnisse anzubieten hat,
die bestenfalls von lokaler Bedeutung sind?
In einem ansonsten beeindruckenden überblickswerk zur sonderpädagogischen
Psychologie, das vor kurzem er schienen ist, würde man doch erwarten, dass die derzeit
wichtigsten Klassifikationssysteme, das DSMIV und die ICD10, zu einem
zentralen Betrachtungsgegenstand gemacht werden, zu mal darin sonderpädagogisch relevante
Syndrome ausführlich beschrieben sind. Dass das DSMIV mit einem einzigen Verweis an
unwichtiger Stelle so dürftig aufgeführt ist, belegt, wie wenig die
Diskussionsgegenstände und die Ergebnisse der benachbarten Disziplinen zur Kenntnis
genommen werden. Vernetzung? Systemik? Es scheint notwendig zu sein, diese offenen Wunden
der gegenwärtigen sonderpädagogischen Forschungslandschaft zu schließen.
Die HEILPäDAGOGISCHE FORSCHUNG hat sich schon immer einem Forschungsparadigma
verpflichtet gefühlt, das über die engeren lokalen und nationalen Horizonte hinausweist.
Zu nehmend haben Arbeiten aus der Psychologie, der Psychiatrie, der Sozialpädagogik und
der Allgemeinen Pädagogik Eingang gefunden. Mehr und mehr sind auch Vertreter des
Auslandes mit ihren Arbeiten zu Wort gekommen. Demnächst wird der Leserschaft der HEIL
PäDAGOGISCHEN FORSCHUNG im Sinne einer weiteren Ideenvernetzung eine weitere Neuerung in
der Form begegnen, dass auch englischsprachige Titel, die für den europäischen Lebens
raum von Bedeutung sein können, auf genommen werden. Die HEILPäDAGOGISCHE FORSCHUNG
beweist jedoch noch an anderer Stelle, wie wichtig ihr das Bedürfnis nach Verflechtung
und Vernetzung ist: beim wissenschaftlichen Redaktionsbeirat. Die unterschiedlichsten
sonder pädagogischen Arbeitsfelder sind jetzt im Redaktionsbeirat personell vertreten;
zwei ausgewiesene Fachleute des Auslandes tragen zum internationalen Renommee der
HEILPäDAGOGISCHEN FORSCHUNG bei. So gehört neuerdings Frau Professorin Dr. Adriana
Schuler von der San Francisco State University zu unserem Team. Dr. Schuler ist
Vollprofessorin für Sonderpädagogik an der State University von San Francisco. Ihren
sonderpädagogischen Abschluss hat sie 1970 in den Niederlanden in den Bereichen der
Sprach- und Hörbehindertenpädagogik abgelegt. Ihr weiteres Studium führte sie nach
Santa Barbara in Kalifornien, wo sie 1979 auch promoviert wurde. Seit 1982 bekleidet sie
die sonderpädagogische Professur in San Francisco und ist auch als Gastprofessorin an den
Universitäten in München, Santa Barbara, San Bernardino und in Belgien tätig gewesen.
Adriana Schuler ist international bekannt geworden durch ihre Feldstudien, in deren
Mittelpunkt Kinder mit autistischen Zügen und Entwicklungsproblemen standen.
Prof. Dr. med. et phil. Christian Klicpera von der Abteilung für Angewandte und
Klinische Psychologie der Universität Wien ist der Leserschaft der HEIL PäDAGOGISCHEN
FORSCHUNG seit langem als Autor bekannt. Er weist eine langjährige praktische Tätigkeit
im Bereich der Kinderpsychiatrie auf. Seine umfänglichen und vielbeachteten
Forschungsarbeiten sind dem Bereich der Behindertenpädagogik zuzuordnen, insbesondere die
schulische Förderung ist ihm ein besonderes Anliegen. Die Liste seiner
Veröffentlichungen enthält zahlreiche Monographien, Herausgeberwerke und
Einzelbeiträge. Er war auch an zahlreichen internationalen Forschungsprojekten beteiligt.
Sein Oeuvre sucht seinesgleichen, es weist ihn als hervor ragenden Kenner der
sonderpädagogischen Wissenschaftsszene aus, deshalb ist er im wissenschaftlichen Beirat
auch hoch willkommen.
Adrienne Biermann gehört mit Henri Julius zum hoffnungsvollen Nachwuchs in der
Sonderpädagogik. Beide sind der Leserschaft der HEILPäDAGOGISCHEN FORSCHUNG bereits als
Auto ren von interessanten Beiträgen bekannt geworden. Adrienne Biermann hat ihren
sonderpädagogischen Abschluss an der Universität Dortmund erworben, war 15 Jahre lang
als Sonderschullehrerin für Lernbehinderte und Körperbehinderte in Dortmund und Hamburg
tätig, absolvierte einen längeren Forschungsaufenthalt an der University of Hawaii,
verfolgte dann ihr Promotions vorhaben zur Gestützten Kommunikation an der Universität
Leipzig und ist derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für
Förderpädagogik der Universität Leipzig in der Geistigbehindertenpädagogik tätig.
Ihre Interessenschwerpunkte liegen im Bereich der Kommunikationsförderung von Personen
ohne ausreichende lautsprachliche Verständigungsmöglichkeiten und in der Förderung von
Personen mit Schwermehrfachbehinderungen. Von ihrem letzten USA-Aufenthalt wird sie in
diesem Heft über Forschungsergebnisse zur Unterstützten Kommunikation bei Autismus
berichten.
Henri Julius hat von 1978 bis 1985 Sonderpädagogik an der Universität Oldenburg
studiert; es schloss sich ein Studium der Psychologie von 1987 bis 1993 mit dem
Schwerpunkt Klinische Psychologie in Oldenburg und Trier an. Seit 1994 ist er als
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Verhaltensgestörtenpädagogik am Institut
für Sonderpädagogik der Universität Potsdam tätig. Henri Julius ist zum Dr. phil. an
der Universität Potsdam promoviert worden; seine Dissertation hatte psychische Folgen
sexuellen Missbrauchs an Jungen zum Inhalt. Bekannt geworden ist Henri Julius durch eine
Buchpublikation verwandten Inhalts beim Hogrefe-Verlag sowie als Erstautor durch ein
Standardwerk zur kontrollierten Einzelfallforschung in der Sonderpädagogik, das ebenfalls
beim Hogrefe-Verlag erschienen ist. 1998 war Henri Julius als Research Scholar an der
Universität of Hawaii at Manoa und an der San Francisco State University tätig. Seine
der zeitigen Forschungsschwerpunkte sind schulische Interventionen für Risikokinder,
integrative Spielgruppenarbeit mit autistischen Kindern, bindungstheoretisch abgeleitete
schulische und klinische Interventionen für misshandelte, vernachlässigte und
missbrauchte Kinder. Henri Julius stellt sich der Leserschaft in diesem Heft der
HEILPäDAGOGISCHEN FORSCHUNG durch einen Beitrag vor, der die Hintergründe der
Aggressivität bei missbrauchten Kindern zum Inhalt hat; die Ausführungen münden in
einer Erkenntnis, die von hoher praktischer Relevanz für die schulische Intervention ist.
Die neuen Mitglieder des wissenschaftlichen Redaktionsbeirats der HEILPäDAGOGISCHEN
FORSCHUNG werden dafür sorgen, dass die Inhaltsqualität unserer Fachzeitschrift nicht
nur beibehalten, sondern in Zukunft noch gesteigert wird, und dass die Begriffe der
Vernetzung und Systemik mit Inhalten gefüllt werden.