Das Jahr 2000 hatte nicht sehr erfreulich für die
universitäre Behindertenpädagogik begonnen, und es sieht so aus, als ob auch das
kommende Jahr noch keine Besserungen bringen wird. Allenthalben sehen sich die Kolleginnen
und Kollegen an den Hochschulen der Aufforderung ausgesetzt, "den Gürtel enger zu
schnallen". Die Auswirkungen sind auf allen Ebenen professionellen Handelns bereits
heute deutlich zu spüren. Ginge es nur darum, mögliche Fettpolster vergangener Jahre
etwas abzuspecken, könnte man noch von einem Gesundschrumpfungsprozess sprechen. Es geht
aber zunehmend an die Substanz der akademischen Behindertenpädagogik!
Selbstverständliche Arbeitsmittel werden entzogen, einer soliden universitären Lehre und
fundierten Forschung wird mehr und mehr das Wasser abgegraben. Symptomatisch für diese
Tendenzen ist eine Meldung, die die HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG betrifft: Mit
Fassungslosigkeit musste ich von der Abbestellung eines Bibliotheksabonnements von einer
Universität Kenntnis nehmen, an der die Behindertenpädagogik zum integralen und deutlich
nachgefragten Bestandteil des Studienangebotes zählt; offizieller Grund:
Mittelkürzungen. Damit stehen wir vor der Situation, dass Lehrenden, Forschenden und
Studierenden die Möglichkeit genommen wird, sich über aktuelle Forschungsfragen der
Behindertenpädagogik zu informieren.
Aber nicht nur sächliche Ressourcen werden systematisch entzogen, es geht v.a. um die
personellen. An den Universitäten wird die Wiederbesetzung frei gewordener Stellen
entweder ganz unterlassen oder in eine unsicher gewordene Zukunft verlagert. Und wenn dann
doch einmal in dieser äußerst labilen Besetzungssituation eine Stelle ausgeschrieben
wird, dann zeigen sich Tendenzen, die der wissenschaftlichen Etablierung der doch noch
jungen Disziplin Sonderpädagogik entgegenwirken. Bei spiel: Kürzlich wurde die
universitäre Ausschreibung für eine C4-Professur für Sonderpädagogik publiziert; die
Stellenbewerber sollen - wie üblich - eine herausragende Promotion, zusätzliche, für
das Fachgebiet einschlägige wissenschaftliche Leistungen, eine besondere pädagogische
Eignung einbringen sowie eine dreijährige Schulpraxis nachweisen. Aber: Von einer
Habilitation für die C4-Professur ist im Ausschreibungstext nicht die Rede, und auch
nicht davon, dass Stellenbewerber ihre Kompetenz in der Forschung zu belegen haben, wie
sie sich z.B. an DFG-geförderten Projekten zeigen könnte. Man fragt sich unwillkürlich:
Soll die gesuchte Persönlichkeit ihre Aufgabe mehr darin sehen, Praxiskonzepte zu
vermitteln, und weniger, systematisch Forschung zu betreiben und Forschungsprogramme auf
den Weg zu bringen? Man fragt sich weiter hin, ob auf diese Weise der Abschied von der
Forschungspriorität eingeläutet und damit die Verlagerung der Ausbildung aus der
Universität angebahnt werden soll.
Die HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG wird sich mit ihren geringen Möglichkeiten solchen
Tendenzen ent gegenstellen und weiterhin dafür sorgen, dass das Primat der Forschung in
der Behindertenpädagogik nicht aufgegeben wird. Dafür legen die Beiträge dieser Ausgabe
der HEILPÄDAGOGISCHEN FORSCHUNG wiederum ein beredtes Zeugnis ab.
An erster Stelle wird Hermann Meyer seine Untersuchung zum forschungsbezogen deutlich
vernachlässigten Thema der Ängstlichkeit bei Schülern mit geistigen Behinderungen
vorstellen, an die sich die Arbeit von Andreas Maluck und Peter Melchers anschließt, in
der erstmalig in Deutschland die K-ABC, ein Verfahren zur Intelligenzdiagnostik, bei
Erwachsenen mit einer geistigen Behinderung eingesetzt wird. Auch Michael Fingerle geht
mit seiner Untersuchung einer diagnostischen Fragestellung nach; als Konsequenz der
Resilienzforschung stellt er ein Instrument vor, mit dessen Hilfe die adaptiven
psychischen Ressourcen von Grundschulkindern erhoben werden können, und betritt damit ein
Neuland, von dem Theorie und Praxis der Pädagogik bei Risikokindern profitieren werden.
Rainer Oesterreich und Brita Schirmer befassen sich im nächsten Beitrag mit den
Schwierigkeiten von Menschen mit autistischer Behinderung beim Alltags handeln, und zwar
unter der alternativen Sichtweise eines handlungstheoretischen Modells. Thematisch
schließt sich der sehr kritische Bericht von Allmuth Bober über die Münchener Studie
zur Gestützten Kommunikation an, der Befürwortern und Kritikern der Gestützten
Kommunikation einiges zu denken geben wird.
Abgeschlossen wird der inhaltliche Teil dieses Heftes mit einem Bericht über die
letzte Tagung der Arbeitsgemeinschaft Empirisch Arbeitender Sonderpädagogen (AESF), die
im Oktober 2000 in Wien stattgefunden hat. Die dortige Versammlung hat einmütig
beschlossen, zukünftig die Zusammenfassungen der Beiträge - möglichst schon vorab - in
der HEILPÄDAGOGISCHEN FORSCHUNG veröffentlichen zu lassen, was bei der Redaktion
natürlich ein positives Echo ausgelöst hat. Damit werden die Bestrebungen der
HEILPÄDAGOGISCHEN FORSCHUNG unterstützt, ein Publikationsorgan zu sein, das auch in
Zukunft jenen Tendenzen entgegen wirkt, die der Ent-Akademisierung der
Behindertenpädagogik in die Hände arbeiten.