| Editorial von
Herbert Goetze aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 3 2001
Das Entsetzen über die über die westliche
Welt hereingebrochene, ungeheuerliche Katastrophe, der Massenmord
an unschuldigen Menschen scheint momentan noch unser Denken zu paralysieren.
Wir haben Schwierigkeiten damit, das Geschehen mit all seinen entsetzlichen
Details an uns heranzulassen. Wir sehen uns geradezu zur psychologischen
Abwehr genötigt, um im Alltag funktionsfähig zu bleiben. Die Älteren
von uns können noch nachvollziehen, was es heißt, persönlich in
kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt zu sein, die sich den
gewohnten Denkschemata entziehen. Auf intellektueller Ebene mit
einem solchen Geschehen angemessen umzugehen, erscheint fast verfrüht,
will man sich nicht dem Vorwurf mangelnder Empathie, der Gefühlskälte
oder des Zynismus einhandeln. Wir ahnen aber schon: Die Axiome unseres
etablierten westlichen Menschen- und Gesellschaftsbildes werden
ins Wanken geraten, die Selbstverständlichkeiten von gestern mutieren
zu Fragwürdigkeiten, und wir fragen uns mit großer Besorgnis, was
an Änderungen auf den unterschiedlichsten Ebenen auf uns zukommen
wird. Wie werden sich die Ereignisse wohl mittel- und langfristig
auf unsere Disziplin, die Behindertenpädagogik, auswirken? Können
wir einfach zur Tagesordnung übergehen? Am Horizont werden allerdings
bereits die ersten dunklen, alarmierenden Rauchzeichen sichtbar,
dass die falschen Konsequenzen gezogen werden, wenn z.B. der Landesverteidigung
erste Priorität eingeräumt wird und Bildungs-, Wissenschafts- und
Sozialausgaben folglich auf den hinteren Rangplätzen lokalisiert
werden. Hatten wir in der Zeit vor dem 11. September 2001 bereits
in kleinerem Maßstab falsche politische Entscheidungen zu beklagen,
von denen die Behindertenpädagogik existenziell betroffen war (Schließung
von Ausbildungsgängen, Ressourcenverknappung etc.), so steht zu
befürchten, dass die neuen politischen Prioritätensetzungen noch
radikalere Einschnitte bringen werden. Wir können es uns also nicht
gestatten, mit unserem Denken paralysiert zu bleiben, wir müssen
leider schnell zur Tagesordnung der gedanklichen Auseinandersetzung
zurückkehren, um dem Treiben eilfertiger Politiker Einhalt zu gebieten.
Die Beiträge dieser Ausgabe der HEILPÄDAGOGISCHEN FORSCHUNG sind
lange vor dem Unglückstag entstanden und betreffen Themen, die weiterhin
einer Fachdiskussion bedürfen. An erster Stelle fragt Jürgen Walter
danach: Kann Ritalin die Schulleistungen von Schülern mit Aufmerksamkeits-
und Hyperaktivitätsproblemen verbessern? Mit Sicherheit wird dieser
Beitrag Kontroversen auslösen, zu stark ist die Medikamentenvergabe
hier zu Lande noch mit Vorurteilen behaftet. Der sich anschließende
Aufsatz von Barbara Gasteiger Klicpera, Christian Klicpera und Kathrin
Hippler knüpft an den Beitrag der Autoren im letzten Heft der HEILPÄDAGOGISCHEN
FORSCHUNG an, in welchem es um die sozialen Anpassungsschwierigkeiten
bei lernbehinderten Schülern ging; hier geht es nun um die Identifikation
von Untergruppen mit besonderen Problemen in der sozialen Anpassung.
Der Frage, wie Grundschullehrkräfte soziale Kompetenzen von Schülern
mit und ohne aggressive Verhaltenstendenzen einschätzen, untersucht
Michael Fingerle im darauf folgenden, empirischen Beitrag. Jens
Boenisch legt anschließend Daten zum sonderpädagogischen Förderbedarf
bei ausländischen Kindern in integrativen Klassen vor und wendet
sich damit einer Zielgruppe zu, die in der sonderpädagogischen Forschung
weiterhin stark vernachlässigt wird. Es folgt ein Bericht über die
diesjährige AESF-Tagung in Landau - die Leserschaft der HEILPÄDAGOGISCHEN
FORSCHUNG wird sich daran erinnern, dass wir damit an eine Tradition
anknüpfen, die Ergebnisse der Tagungen der "Arbeitsgruppe Empirische
Sonderpädagogische Forschung" hier vorstellen wollen.
Die Redaktion der HEILPÄDAGOGISCHEN FORSCHUNG dankt Ihnen, der
Leserschaft dieser Zeitschrift, für Ihr anhaltendes Leseinteresse.
Ihr Herbert Goetze
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