Die Entstehung menschlicher
Destruktivität am Beispiel der Folterer-Ausbildung
Bericht über einen Vortrag am Institut für Sonderpädagogik (Verhaltensgestörtenpädagogik)
der Universität Potsdam
von Peter Boppel
aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 4 2002
Die Ausbildung zum Folterer ist in der Sonderpädagogik
bisher selten zum Thema gemacht worden, obwohl das Foltern als die
absichtsvolle Zufügung körperlich-geistig-seelischer Verletzungen
Behinderungen der gefolterten Person nach sich ziehen kann. Bekanntlich
werden Behinderungen im Sinne von seelischen und körperlichen Schäden
des Opfers vom Folterer nicht nur billigend in Kauf genommen, vielmehr
systematisch herbeigeführt, um gewissermaßen als gewollte Nebenwirkung
in der Bevölkerung Angst und Panik zu erzeugen. Sonderpädagogik
und klinische Psychologie sind an anderen Stellen als Fachdisziplinen
gefordert, wenn z.B. Kinderfolterer wie die aus dem somozistischen
Nicaragua oder aus Mozambik von der Renamo heilpädagogisch zu betreuen
sind. Das wichtige Thema "Foltererausbildung" für die Behindertenpädagogik
aufzubereiten, war das Anliegen eines Vortrages, der am 24. Oktober
2002 an der Universität Potsdam vom Autor dieses Berichtes gehalten
wurde. Ausgegangen wurde von einem Modell der Destruktionsentstehung,
in das genetische Ausstattungen, organismische Dispositionen, frühkindlich
erfahrene Traumata und Bindungserfahrungen, soziale Kontexte der
Absicherung und v.a. Ausbildungs-Sozialisationserfahrungen eingehen.
Als weitere Basis sind die beiden Grundformen menschlicher Aggressionen,
Selbsterhaltungsaggression und destruktive Aggression thematisiert
worden. Die Selbsterhaltungsaggression betrifft angeborene Verhaltensweisen,
wie sie sich durch Selektion und Mutation in der Evolution herausgebildet
haben. Sie dienen der Selbst- und Revierverteidigung, der Fortpflanzung,
der Nahrungsaufnahme, der Lust-Freude-Beschaffung, der Ermittlung
der Rangposition und der eigenen Grenzen sowie dem Erreichen und
Erhalten von Sicherheit, Selbstwertgefühl und des Selbststolzes
(sog. gesunder Narzissmus). Diese Form der Aggression dient im evolutiven
Prozess dazu, die Lebensressourcen zu erhalten und zu erweitern.
Die destruktive Aggression dagegen betrifft schädigendes Verhalten
mit dem Zweck, durch Leidzufügung materiellen Gewinn, soziale Anerkennung
und Macht, innere Befriedigung oder Stimulation zu erzielen. Dabei
wird langfristig ein evolutiver Sinn nicht erkennbar, im Gegenteil:
Erhaltenswerte und lebenswichtige Ressourcen werden vernichtet,
soziale Probleme werden nicht nur nicht gelöst, vielmehr werden
Gewalt-Gegengewalt-Zirkelprozesse ausgelöst. Solchen destruktiven
Prozessen stehen normalerweise innerartliche Tötungshemmungen, evolutiv
herausgebildete Altruismusmechanismen, Empathie, kulturelle Mechanismen
(wie Moral und Gewissensbildung) sowie günstige Sozialisationsbedingungen
entgegen, die allerdings unter definierten Bedingungen außer Kraft
gesetzt werden können. Geschichtlich sind destruktive Aggressionen
v.a. nach der Sesshaftwerdung des homo sapiens nachweisbar. Explizite
Folterberichte liegen seit Ramses II (1300 a.D.) vor. Die aus der
Bibel über- lieferte Kain- und Abel-Geschichte, ca.1000 a.D. entstanden,
ist mit der Demütigung Kains durch Gott wie eine Vorwegnahme von
Narzissmustheorien und Destruktionsentstehung zu interpretieren.
Im Gegensatz zu landläufigen Auffassungen, denen gemäß das ‚dunkle
Mittelalter' als Höhepunkt der Folter gilt, hat sich das 20. Jahrhundert
als Hochblüte von Folter und grausamen Kriegen erwiesen. Heute wird
in mindestens 100, auch aufgeklärten Staaten dieser Erde systematisch
gefoltert, so dass sich die Frage stellt: Wie wird ein Mensch zum
Folterer? Dabei ist zunächst festzustellen: Die Ausbildung von jungen
Männern zum Töten, zur Ausführung von Grausamkeiten ist in Grundzügen
in jeder militärischen, polizeilichen, v. a. terroristischen Ausbildung
angelegt. An Männern, die zu Elite- oder Spezialsoldaten und in
der darüber hinausgehenden Fortsetzung zu Folterern gedrillt werden,
kann wie in einem "Lehrstück" die Entstehung von Destruktion an
den folgenden Aspekten aufgezeigt werden:
o Typischerweise findet dieses Training zur Zeit der Adoleszenz
(14. bis 25. Lebensjahr) statt, also während einer Entwicklungsphase,
die sich durch starke Selbst-Unsicherheit und deutliche hirnmorphologische
Umstrukturierung kennzeichnen lässt.
o Das Training schließt massive körperliche Einwirkungen ein,
wie systematische Schmerzzufügung, das Abverlangen von Extremleistungen,
die Einbringung von Wiederholungsmonotonie (Exerzieren, Gleichmarsch,
Ordnen, Singen), Überstimulation (Lärm, Licht), Zeitdruck und Stören
des Schlaf-/Wachrhythmus.
o Die Probanden werden in unterschiedlichen Formen seelisch gedemütigt,
z.B. durch Beleidigungen, Kränkungen, Versagen-Lassen, Bloßstellung
vor der Gruppe, Aufbau von Double-Bind-Beziehungsmustern, Ausführenlassen
unsinniger Befehle und der Anwendung grausamer Initiationsriten.
o Das Training setzt auch eine Isolierung von den gewohnten Lebensumständen
und -kontexten voraus, z.B. durch Kasernierung, Sprachverarmung,
Informationsabschirmung. Eine extreme Form, die von der Terroristenausbildung
bekannt geworden ist, stellt das Eingegrabenwerden neben einer Leiche
dar.
o Im Training wird gezielt Gruppendruck hergestellt und eingesetzt.
Die Gruppe wird für die "Tat" des Einzelnen bestraft. Der Einzelne
steht damit unter der Dauerkontrolle der Gruppe. Die Gruppe huldigt
dem Ethos der Selbstoffenbarung/-anklage, so dass schließlich eine
sektenähnliche Gruppenkohäsion entsteht.
o Die Sexualität der Gruppenmitglieder wird unter starker Kontrolle
gehalten. Einerseits kann sexuelles Verhalten, auch unter dem Gebot
der‚Reinheitsverpflichtung', verunmöglicht werden, andererseits
kann sie als Gruppenvergewaltigung/öffentliches Masturbieren ausgelebt
werden, wobei eine Verbindung zwischen Waffe und Genital sowie eine
Verunglimpfung der Frau und der Homosexualität hergestellt wird.
Sexueller Missbrauch kommt häufig vor.
o Viele Maßnahmen zielen andererseits auf die Bildung von Größenfantasien
/ Elitebewusstsein, z.B. als "Retter der Nation, Gottes liebste
Söhne" ab.
o Es findet eine Reduktion geistiger Komplexität in Form von Schwarz-Weiß-Schemata
statt, was von den Trainern zum Aufbau eines benötigten Feindbildes
genutzt wird, auf das Aggressions- und Vernichtungswünsche projiziert
werden können (z.B. "Nigger", "Jude", "Moslem", "Terrorist", "Imperialist",
"Saddam Hussein").
o Eine stufenartige Einweisung und Einübung in Handlungen von Grausamkeit
schließt die Misshandlung von Mitrekruten, das Töten von Tieren
(z.B. Schweinen), aber auch Gefangenen ein. Wer ein solches Training
durchlaufen hat, bei dem werden massive innerseelische Strukturveränderungen
die Folge sein. Die Folgen der Foltererausbildung sind im Prinzip
aus der Beforschung von psychischen Krankheiten, in extremer Form
als Psychosen, psychosomatische Erkrankungen, suizidales Verhalten
etc. bekannt:
o Das Selbst des Rekruten steht in Gefahr des Zerfalls, der Auflösung;
es droht ein Ich-Verlust.
o Eine Regression auf ein weniger komplex strukturiertes Niveau
des seelischen Apparates setzt ein.
o Es findet eine seelische Traumatisierung statt, die sich in veränderten
Hirnstrukturen auswirkt (Aufbrechen vorhandener Verschaltungen im
Gehirn) und zur Ausbildung einer Borderlinestruktur bzw. posttraumatischen
Belastungsstörung (PTSD) führen kann. o Dissoziationen im Affektbereich
werden symptomatisch.
o Massive reaktive Hass- und Aggressionspotenziale werden aufgebaut,
ebenso reaktive Größenfantasien ("Auserwählte", "Elitetruppe") mit
einhergehender Realitätsverleugnung und Fanatismusentwicklung sowie
projektive, paranoide und andere unreife Abwehrmechanismen (Feindbild-Aufbau).
o Eine Umstrukturierung und Externalisierung des Gewissens findet
auf dem Hintergrund der Gehorsamkeitserzwingung statt.
o Der Preis des Einzelnen ist ein massiver Autonomieverlust, indem
er sich mit dem "Aggressor" (dem Ausbilder, der Gruppe bzw. dem
dahinter stehenden Ideologie- / Religions-System) identifiziert.
o Im Sinne klassischer Konditionierung werden Sexualität und Destruktivität
assoziiert. Die erlebte Ohnmacht wird durch sexuelle Macht zu kompensieren
versucht.
o Schließlich findet auch eine systematische Desensibilisierung
der innerartlichen Tötungshemmung, des Altruismus und der Empathie,
statt. Ein günstiger Nährboden für die Foltererausbildung findet
sich in der desolaten Situation von Millionen von Kindern und Jugendlichen
in Form von Hunger, Armut, Arbeitssklaverei, Prostitution, Flucht,
Entwurzelung und Kindersoldatentum. Die Risikofaktoren für die seelische
Gesundheit sind auch in der westlichen Welt gleichzeitig als begünstigende
Ausgangslagen zur Entwicklung von Destruktivität bei Jugendlichen
und Heranwachsenden anzusehen; dazu werden in der Fachliteratur
die folgenden Faktoren gezählt:
o Chronische Disharmonie und Beziehungspathologie innerhalb der
Familie, insbesondere emotionale Vernachlässigung.
o Psychische Störung der Mutter oder des Vaters.
o Verlust der Mutter.
o Schwere körperliche Erkrankungen der Mutter oder des Vaters.
o Allein erziehende Mutter.
o Mütterliche Berufstätigkeit im ersten Lebensjahr des Kindes.
o Stark autoritäres väterliches Verhalten.
o Sexueller und/oder aggressiver Missbrauch des Kindes.
o Niedriger sozioökonomischer Status; große Familie; wenig Wohnraum;
schlechte Schulbildung der Eltern.
o Jüngeres Alter der Mutter bei Geburt des ersten Kindes; Unerwünschtheit;
uneheliche Geburt des Kindes.
o Altersabstand zum nächsten Geschwisterkind < 18 Monate.
o Ernste oder häufige Erkrankungen in der Kindheit.
o Kriminalität bzw. Dissozialität eines Elternteils; Kontakte mit
Einrichtungen der sozialen Kontrolle.
o Auch die soziale Entwurzelung und berufliche Aussichtslosigkeit
eines Teils der Heranwachsenden gehört dazu wie die "endlos Gedemütigten"
im islamischen Weltbereich. Darüber hinaus prädestinieren weitere
Risikofaktoren, zu denen Anomalien im Testosteron- wie Serotonin-Stoffwechsel,
Fehlfunktionen des Vorderhirns sowie genetische Veränderungen zählen
können, den Jugendlichen bzw. Jungerwachsenen dazu, "erfolgreich"
ein Folterer-oder Elitesoldatentraining zu absolvieren. Mit der
Entdeckung solcher Risikofaktoren sind ältere Vorstellungen des
"angeborenen Bösen" oder eines Destruktionstriebes überwunden.
Destruktives Verhalten entwickelt sich wie anderes Verhalten aus
der Trias von genetischer Veranlagung (incl. Arterhaltungsaggression),
körperlicher Disposition und Umwelterfahrung. Die spontanen Bereitschaften,
grausam zu handeln, wie es sich z.B. zwischen Nachbarn in Ex-Jugoslawien,
bei "normalen Männern" des Polizeibataillons 101 zu Nazizeiten oder
bei den Versuchspersonen der Experimente nach Milgram und Zimbardo
zeigt, erklären sich aus der menschlichen Eigenschaft, in tatsächlichen
oder fantasierten Gefahrensituationen zu regredieren, alte Bindungsmechanismen
zu aktivieren, dem Alphaobjekt zu folgen und zu gehorchen. Bindungssehnsucht
und Gehorsam stellen evolutiv das Überleben fördernde Faktoren dar,
die in solchen Situationen durchschlagender sind als Rationalität
und bewusste Willensentscheidungen. Dass es sich dabei jedoch nicht
um eine zwangsläufige Kausalität des "Bösen", sondern um Dispositionen
des Individuums handelt, wird an den Beispielen deutlich, in denen
sich Versuchspersonen der Milgram-Experimente zu ca. 17% verweigerten
oder wenn Mitbürger unter Lebensgefahr im Dritten Reich jüdische
Mitbürger retteten. Auch ihr "Verhaltens-Output" ist ein Ergebnis
der oben beschriebenen Trias und lässt sich überzeugend in einem
Zusammenhang mit den oben beschriebenen Risikofaktoren für seelische
Gesundheit sehen. Die Diskussion im Anschluss an den Vortrag war
auf die heilpädagogische Relevanz dieses schwierigen Themas gerichtet;
bezeichnenderweise war sie primär auf die genannten Risikofaktoren,
soweit sie einer heilpädagogischen Beeinflussung im Sinne einer
Resilienzsteigerung der betroffenen Kinder und Jugendlichen zugänglich
sind, gerichtet. In Zeiten zunehmender Terrorismusbedrohung und
Kriegsgefahr werden wir uns mit diesem, bisher weitgehend gesellschaftlich
tabuisierten Thema der Ausbildung zum "Bösen" intensiver zu beschäftigen
haben.
Anschrift des Autors:
Dr. med. Peter Boppel
Große Allee 17
34454 Bad Arolsen
Hinweise zum Autor:
Dr. med. Peter Boppel ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie
und Psychotherapeutische Medizin, Analytischer Psychotherapeut in
freier Praxis, Dozent für Neuropsychologie am Psychotherapie-Ausbildungsinstitut
(Bad Salzuflen und Kassel), Mitglied des Aktionsnetzes der Heilberufe
von amnesty international, Gründungsmitglied der Friedensorganisation
Ökumenische Dienste im konsiliaren Prozess.
Vertiefende und weiterführende Literatur des Autors:
Boppel, Peter (1996). Die Ausbildung zum Foltern, intrapsychische
und interpersonelle Abläufe bei Spezialausbildung. In: H. H. Studt
(Hrsg.). Aggression als Konfliktlösung - Prophylaxe und Psychotherapie
(S.183-195). Heidelberg-Leipzig: Barth.
Boppel, Peter (1996). Ausbildung, Sozialisation und Persönlichkeit
von Folterern - psychoanalytisch-sozialisationstheoretische Aspekte
einer Anthropologie des Bösen. Zeitschrift für politische Psychologie,
4 (2), 121-135.
Boppel, Peter (1999). Traumatisierungsvorgänge bei der Foltererausbildung.
Zeitschrift für politische Psychologie, 7 (1/2), 19-28.
Boppel, Peter (2003). Demütigung und Destruktivität - Folterer-,
Spezialsoldaten-Ausbildung in psychopolitischer Perspektive. Überarbeiteter
Vortrag, gehalten am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen.
Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht (i.D.).
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