Heilpädagogische Forschung

 
Wissenschaftliches Denken bei lernbehinderten Kindern: Schwierigkeiten im Verständnis von "Hypothese" und "Evidenz"
aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 3 2003
von Claudia Mähler und Claudia Buhrow

Wissenschaftliches Denken wird in der Literatur als kognitive Fähigkeit angesehen, die neben bereichsspezifischem Wissen vor allem bereichsübergreifende Aktivitäten, wie z.B. Hypothesen zu generieren, empirische Tests zu konstruieren und Evidenz zu evaluieren, erfordert. In der Vergangenheit wurden hierzu bedeutsame Entwicklungsveränderungen im Verlauf der Grundschuljahre belegt. Bisher wenig beachtet wurde diese Fragestellung allerdings aus differentieller Perspektive. Hierin lag das Ziel der vorliegenden Untersuchung: Es wurde der Frage nachgegangen, ob lernbehinderte Kinder besondere Schwierigkeiten (Entwicklungsrückstände oder qualitative Unterschiede im Vergleich zu unauffälligen Grundschulkindern) beim bereichsübergreifenden Verständnis von "Hypothese" und "Evidenz" aufweisen. An der Studie nahmen 10-jährige lernbehinderte Kinder einer Sonderschule L sowie als Kontrollgruppen gleichen chronologischen bzw. mentalen Alters Grundschulkinder der vierten bzw. der ersten Klasse teil. Die Kinder bearbeiteten zwei Aufgaben, in denen sie zu alltagsbezogenen Fragestellungen (ob ein Hund eine gute Nase hat, ob ein Junge ein guter Torschütze ist) empirische Tests vorschlagen sowie präsentierte Evidenz interpretieren sollten. Die Ergebnisse belegen deutliche Defizite der lernbehinderten Kinder in den hier erfassten Aspekten wissenschaftlichen Denkens. Sie wiesen nicht nur Entwicklungsrückstände im Vergleich zu gleichaltrigen Grundschulkindern auf, sondern waren in einzelnen Aspekten der erfassten Denkvorgänge auch den Grundschulkindern gleichen mentalen Alters unterlegen. Insbesondere die Unterscheidung zwischen einem konklusiven und einem inkonklusiven Test und das inferentielle Schließen von Evidenz auf die Beurteilung der aufgestellten Hypothese fiel diesen Kindern schwer.

Schlüsselwörter: Wissenschaftliches Denken, Hypothese-Evidenz-Relation, Lernbehinderung

Scientific thinking in children with mild mental retardation: Difficulties in understanding "hypothesis" and "evidence".

Scientific thinking is a cognitive competence that affords besides domain-specific knowledge mainly domain-general activities as for example generating hypotheses, planning empirical tests and evaluating resulting evidence. Substantial developmental progress during elementary school years has been documented, whereas there is almost no research from a differential point of view. This was exactly the question of the present study: Do learning disabled children have difficulties (developmental lags or structural differences as compared to non-disabled elementary school children) in their domain-general understanding of "hypothesis" and "evidence"? Ten year old children with mild mental retardation from a special school for learning disabled children and two non-disabled control groups of the same chronological age (forth graders) and mental age (first graders) took part in the study. All children had to work on two tasks that required suggesting an empirical test and interpreting presented evidence for an everyday life problem (find out if a dog has a good sense of smell and a if boy is a good football player). Results reveal substantial deficits in the children with mild mental retardation. They were not only outperformed by their chronological age peers but also in some aspects proved to be inferior as compared to the younger mental age control group. Especially distinguishing between a conclusive and an inconclusive test and inferring from evidence to the underlying hypothesis was difficult for these children.

Keywords: scientific thinking, hypothesis-evidence-relation, mild mental retardation

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aktualisiert am 14.11.2003