Heilpädagogische Forschung

 
Editorial von Herbert Goetze aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 2 2006

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Liebe Leserin und lieber Leser der Heilpädagogischen Forschung,

ist die Heil- bzw. Sonderpädagogik wieder im Aufwind? Zu oft schon mussten wir in der Vergangenheit beklagen, dass an vielen Orten persönliche und sächliche Ressourcen abgezogen worden sind, so dass man um die Arbeitsfähigkeit der davon Betroffenen fürchten musste. Es will den Anschein haben, als würde gegenwärtig eine leichte Gegenbewegung einsetzen, nachdem man zu der Einsicht gekommen ist, dass auf sonderpädagogische Kompetenzen – allen Inklusionsideologien zum Trotz – doch nicht verzichtet werden kann. So sind etwa an der Universität Potsdam derzeit Überlegungen lebendig, die seinerzeit von Universitätsleitung und Dekanat vorangetriebenen krassen Fehlentscheidungen hinsichtlich der Ausbildung in Sonderpädagogik zu revidieren. Man wird diese Tendenzen, die auch anderen Ortes zu bemerken sind, nicht überbewerten dürfen, aber ein gewisse Hoffnung, dass die Dinge sich nun doch langsam in die richtige Richtung bewegen, wird man vielleicht hegen dürfen.

In dieser Ausgabe der Heilpädagogischen Forschung finden sich erneut Arbeiten, die in der Lage sind, wichtige Aspekte sonderpädagogischer Arbeit empirisch aufzuklären. So haben Pia Bienstein und Susanne Nußbeck die praktische Bedeutung der Kommunikationsförderung bei selbstverletzendem Verhalten empirisch zu ergründen versucht, indem sie eine Fragebogenuntersuchung im Rahmen einer Bestandsaufnahme in Nordrhein-westfälischen Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe durchführten. Aus den Ergebnissen geht hervor, wie dringend unterstützende Kommunikationsförderungen angezeigt sind, da fast die Hälfte der Bewohner keine Lautsprache entwickelt hatten. Kommunikationsförderungen führen i. d. R. dann auch zu einem bedeutenden Rückgang des selbstverletzenden Verhaltens.

Einen ganz anderen Aspekt behandeln Martina Göpfert und Armin Castello in ihrer Arbeit zur Kategorisierungskompetenz als Grundlage kompetenter Fernsehnutzung durch Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. In der Untersuchung wurde gesichert, dass sich Unterschiede in der Fähigkeit zur Zuordnung einzelner Elemente zu Kategorien zwischen Jugendlichen mit Lernbehinderungen und gleichaltrigen Schülerinnen und Schülern zeigen, ein Ergebnis, aus welchem Konsequenzen für die Fernsehnutzung zu ziehen sind.

In seinem Literatur-Review zu pädagogisch-therapeutischen Unterrichtsmodellen im Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung gibt Marc Willmann eine exzellente Literaturübersicht zu den aktuell diskutierten didaktischen Konzepten der Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Der Autor betont zurecht, dass sich die Allgemeine Didaktik bisher wenig mit der Frage des Nichtgelingens und der Störanfälligkeit von Unterrichtsprozessen beschäftigt zu haben scheint. Im vorliegenden Beitrag werden deshalb grundlegende Unterrichtsprinzipien für den Unterricht im Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung diskutiert und ein Literaturüberblick zu pädagogisch-therapeutischen Unterrichtsmodellen gegeben, der die Modelle klassifiziert nach drei theoretischen Zugängen: psychodynamischen, lerntheoretischen und systemisch-konstruktivistischen Ansätzen.

Der vierte Beitrag hat die Effektivität der Filialtherapie mit Müttern einer Kureinrichtung zum Inhalt; die Filialtherapie wird für viele Leserinnen und Leser ein noch unbekanntes Verfahren darstellen, das trotz seiner nunmehr mehr als vierzigjährigen Vorgeschichte hier zu Lande unbekannt geblieben ist. Die sonderpädagogische Relevanz des Themas liegt im Ansatz der Elternarbeit: Eltern sollen filialtherapeutisch in die Lage versetzt werden, Interaktionsprobleme mit den eigenen, auch behinderten Kindern unter Zuhilfenahme gemeinsamen Spielens einer Lösung zuzuführen. Dieser erste deutschsprachige Untersuchung zur Filialtherapie ergab nun, dass Kompetenzsteigerungen der Mütter im Kontrollgruppenvergleich nachweisbar war, dass die Kinder der Untersuchungsgruppe eine Reduzierung von Verhaltenssymptomen aufwiesen und dass sich die Interaktion zwischen Mutter und Kind in der erwarteten Weise veränderte.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre dieser so unterschiedlichen Beiträge,

Ihr Herbert Goetze

 

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aktualisiert am 06.07.2006