Heilpädagogische Forschung

 
Editorial von Herbert Goetze aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 4 2006

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Liebe Leserin und lieber Leser der Heilpädagogischen Forschung,

die neueren Technologien in unserer Zeitepoche haben kolossale Kommunikationserleichterungen mit sich gebracht. Es ist an sich einfacher, schneller und kostengünstiger geworden, über Entfernungen hinweg miteinander ins Gespräch zu kommen. Nun will es jedoch scheinen, als ob wir die äußerlich kaum noch vorhandenen Kommunikationsbarrieren nach innen verlagert haben, indem wir uns – wie ehedem – auf die psychisch nahen Kontakte reduzieren und damit die vorhandenen Möglichkeiten kaum nutzen. Leider tragen diese Tendenzen der Selbstreduzierung auch in den sonderpädagogischen Fachwissenschaften unerquickliche Früchte: Man nimmt nur zur Kenntnis, was in vorhandene Schemata passt, und man tritt gar nicht erst in eine kommunikative Auseinandersetzung mit jenen Standpunkten ein, die den eigenen diametral entgegenstehen. Ein Beispiel dazu: Vor Jahren war ich Symposionsteilnehmer zur ADS-Problematik („Pillen für den Störenfried?”), wobei ich es wagte, auf der Grundlage empirischer Daten eine medikamentöse Behandlung nicht unter allen Umständen auszuschließen. Wenn ich mich recht erinnere, musste ich das Podium wegen der persönlich kränkenden Angriffe von Kollegen (die heute Lehrstühle inne haben) vorzeitig verlassen. Das Medikationsthema war obsolet. Das Gegenbild: Wenn Sie heute die psychologische Fachveranstaltung zur ADS-Problematik an der Universität Potsdam aufsuchen, wird Ihnen der Fachvertreter die Medikation als fast einzige effektive Interventionsmöglichkeit bei ADS verkaufen und alles Andere als „groben Unfug” etikettieren. Und wo bitteschön – so wird der naive Zeitgenosse fragen – werden dann die beiden gegensätzlichen Standpunkte von renommierten Fachleuten kommuniziert, diskutiert und zusammen geführt? Die schlichte Antwort ist: Man kommuniziert nicht miteinander.

Diese Zeitschrift versucht, gegensätzlichen Standpunkten zumindest Geltung zu verschaffen, indem die unterschiedlichsten Themen, methodischen Zugänge und Paradigmen in den publizierten Arbeiten angeboten werden. So werden Sie in dieser Ausgabe Forschungsarbeiten zur integrativen Beschulung von Kindern mit Autismus, zur Steigerung der Lern- und Leistungsmotivation, zum berufswahlvorbereitenden Unterricht bei Förderschülern und zum Reiten als Sport für Menschen mit Behinderungen finden.

An erster Stelle wird eine Forscherinnengruppe von der Universität Graz (Hannelore Reicher, Elisabeth Wiesenhofer, Gudrun Schein) über Ergebnisse mit dem Unterricht bei Kindern mit Störungen aus dem autistischen Formenkreis in einem integrativen Setting berichten und Probleme und Chancen der integrativen Beschulung ableiten.

Johann Borchert wendet sich in einem Literatur-Review dem schulischen ‚Dauerbrenner‘ der Steigerung von Lern- und Leistungsmotivation zu, indem er die einschlägigen empirischen Befunde zur motivationalen Entwicklung in der frühen Kindheit, zur Diagnostik der Lern- und Leistungsmotivation und zu den wichtigsten pädagogischen Interventionen zusammenstellt, die auch im sonderpädagogischen Arbeitsfeld sinnvoll eingesetzt werden können, eine Pflichtliteratur für die Schulpraxis.

Das Thema des berufswahlvorbereitenden Unterrichts an Förderschulen stellt sich noch immer als Stiefkind sonderpädagogischer Forschung dar. Fritz Masendorf und Susanne Deege ging es in ihrem Beitrag um die Evaluation des Unterrichtsmaterials in Form der ABC-Arbeitshefte („Ausbildung – Beruf – Chance”). In sehr aufwändiger Weise wurden retroaktive Versuchspläne bei lernbehinderten und verhaltensgestörten Förderschülern angewandt. Im Endergebnis ergaben sich Effektgrößen in extrem großer Höhe, so dass davon ausgegangen werden kann, dass die ABC-Hefte mit großer Aussicht auf Erfolg auch bei diesen Zielgruppen eingesetzt werden können. Verraten möchte ich Ihnen noch, dass Sie im Anhang einen vollständigen Test zur Berufsorientierung finden werden.

Ganz anders lautet die Thematik der Arbeit von Susanne Stoldt: Selbstbilder erwachsener Reitender mit einer Körper- und Sinnesbehinderung. Mit qualitativen Methoden arbeitend hat die Autorin die Probanden zu den unterschiedlichsten Aspekten interviewt, wie zu persönlichen Zugängen zum Reiten, zur Entwicklung und Ausübung des Reitsports, seiner Bedeutung im Alltag und zur Bedeutung der Pferde und der Auseinandersetzung mit der eigenen Behinderung in diesem Zusammenhang.

Am Beginn dieses Editorials stand die These, dass in unserer Fachwissenschaft zu wenig miteinander kommuniziert wird, und dass die Heilpädagogische Forschung mit ihren Forschungspublikationen zumindest eine Plattform dafür bietet, gegensätzliche Standpunkten zur Geltung zu bringen. Die Leserschaft ist eingeladen, mit Hilfe der (E-Mail-)Adressen mit allen Beteiligten Kontakt aufzunehmen und damit dem Mangel an Kommunikation entgegen zu wirken,

Ihr Herbert Goetze

 

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aktualisiert am 16.12.2006