Heilpädagogische Forschung

 
Sublexikalische Schreibdefizite bei deutschsprachigen Drittklässlern mit schwerer Entwicklungsdysgraphie: Welchen Effekt hat ein Training der Onset/Reim-Bewusstheit?
aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 1 2009
von Stefanie Heber und Jürgen Cholewa

Unter den zahlreichen Vorschlägen zur Therapie von Entwicklungsdyslexie und -dysgraphie stoßen gegenwärtig solche auf besonderes Interesse, die auf eine Optimierung sublexikalischer Lese- und Schreibstrategien durch ein Training der Phonembewusstheit abzielen. Die grundsätzliche Effektivität dieses Ansatzes gilt als gut belegt, insbesondere, wenn mit dem Training frühzeitig begonnen wird bevor sich dyslektische und dysgrafische Defizite verfestigt haben. Bei älteren Kindern jedoch, deren Defizite nach dem ersten Grundschuljahr persistieren, sind die so erzielbaren Verbesserungen der Lese- und insbesondere der Schreibleistung gering. In der hier beschriebenen multiplen Einzelfallstudie mit sechs schwer dysgraphischen deutschsprachigen Drittklässlern wird der Frage nachgegangen, ob sublexikalische Schreibstrategien bei diesen Kindern effektiver trainierbar wären, wenn zunächst an der phonologisch-orthographischen Zuordnung von Silbenkonstituenten (Onsets und Reime) gearbeitet und erst danach ein Training auf der Phonem/ Graphem-Ebene angeschlossen wird. Diese Vorgehensweise beruht auf der Annahme, dass Defizite der Phonembewusstheit häufig die Folge von Defiziten beim Aufbau von phonologischen Repräsentationen der Silbenstruktur sind, die sich bereits frühzeitig während des präliteralen Phonologieerwerbs manifestiert haben. Ein Training zur Onset- bzw. Reimbewusstheit könnte deshalb eine Einstiegshilfe für nachfolgende Übungen zur Phonembewusstheit sein. Alternativ könnte es den Aufbau einer Analogiestrategie fördern, mit deren Hilfe therapieresistente Defizite der Phonembewusstheit kompensierbar wären. Die Ergebnisse der Studie unterstützen die Hypothese, dass die Effektivität von sublexikalischem Schreibtraining durch eine Berücksichtigung der Onset/Reim-Ebene optimierbar ist. Der Einfluss des Trainings auf die Leistungen in verschiedene Aufgaben zum Schreiben nach Diktat und zur phonologischen Verarbeitung war dabei von Fall zu Fall verschieden. Diese Variabilität deutet darauf hin, dass der Wirkung von Onset/Reim-Training unterschiedliche kognitive Mechanismen zugrunde liegen.

Schlüsselwörter: LRS-Therapie; Entwicklungsdysgraphie; Sprachtherapieforschung, kognitive Neuropsychologie

 

Instruction of onset/rime awareness helps severely dysgraphic German 3rd Graders to spell sublexically

Among the numerous approaches to the treatment of developmental dyslexia those aiming at an improvement of sublexical reading and spelling by training of phoneme awareness skills attract particular attention. The effectiveness of phoneme-awareness training is well established, especially when initiated before profound dyslexic and dysgraphic deficits had time to manifest themselves. However, its benefits on reading and especially spelling skills of older primary school children with persisting dyslexic and dysgraphic deficits turned out to be small. In the multiple case study with six severely dysgraphic German 3rd graders described here it is investigated whether sublexical spelling skills can be improved more effectively, if the training is first directed to the phonological-orthographic correspondences of syllable constituents (onsets and rimes) before focussing on the phoneme-grapheme level. This hypothesis is derived from the assumption that deficits in phoneme awareness may be caused by deficits in representing the syllable structure of spoken words. Consequently, an improvement of onset/rime awareness skills may be a necessary prerequisite for an improvement of phoneme awareness. Alternatively, training on phonological-orthographic correspondences of onsets and rimes may help to establish the use of an analogy strategy in spelling, to circumvent phoneme segmentation and to compensate persistent phoneme awareness deficits. The results of the study support the view that the effectiveness of sublexical spelling training with severely dysgraphic German 3rd graders can be improved by focussing on the level of syllable constituents. In addition, the impact of the onset/rime training on a range of spelling tasks and phonological processing tasks differed from case to case. These individual differences point to different cognitive mechanisms underlying the effectiveness of the training.

Keywords: Treatment of developmental dysgraphia, spelling disorders, developmental cognitive neuropsychology

zur Übersicht des Jahrgangs 2009
pic/blindgelb.gif (103 Byte)
zurück zum Kopf der Seite
aktualisiert am 27.04.2009