Heilpädagogische Forschung

 

Editorial aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 3 1998
Von Herbert Goetze

Im Herbst dieses Wahljahres 1998 kündigen sich auf politischer Ebene änderungen an, von denen man nur hoffen kann, daß sie sich endlich auch auf die Lage der Personen mit Behinderungen und auf unser Fach entscheidend positiv auswirken werden. In der Tat befinden wir uns weiterhin in einer Epoche tiefgreifender Veränderungen _ wie sich z.B. auch an solchen Tagungstiteln wie „Rehabilitation im Wandel" zeigt (Titel des 3. Bundeskongresses für Rehabilitation vom 21._23. April 1999 in Suhl). In der Sonderpädagogik findet sich entsprechend derzeit einige Bewegung; sie scheint sich in einem Spannungsverhältnis zwischen den Extrempositionen „Schafft sie ab!" und „Laßt alles beim Alten!" zu bewegen. Mitunter könnte man sich nach Zeiten zurücksehnen, zu denen Behindertenpädagoginnen und -pädagogen unter abgesicherten bildungs- und hochschulpolitischen Rahmenbedingungen ihrer Arbeit nachgegangen sind und auf einem fachlichen Fundus aufbauen konnten, den die Gründungsvorväter geschaffen hatten. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als würde dieses kostbare Erbe leichtfertig verspielt. Andererseits sehen wir uns heute so ganz anderen Herausforderungen gegenübergestellt als unsere geistigen Väter. Die neue Behin-dertenfeindlichkeit, garniert mit darwinistischer Arroganz der Nicht-Betroffenen, scheint mehr und mehr nicht nur in den Köpfen von Menschen Platz zu greifen, die gelinde gesagt ein gewisses Ausmaß an Humanbildung vermissen lassen; nein, in Ansätzen, noch wenig elaboriert, entäußern sich manche Lokal-, Kommunal-, Landes- und auch Bundespolitiker in einer Weise, daß man sich eine Kennedy-ära zurückwünscht. Erinnern Sie sich noch daran, wie in den USA die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen in das Blickfeld geraten sind? Nicht ein breiter Konsens von Sozialpolitikern oder Kirchen war dafür verantwortlich, die Initiative ging von einer einzigen Familie aus, die allerdings selbst betroffen war:

Im Jahr 1940 eröffneten Rose und Joe Kennedy der öffentlichkeit, daß ihre Tochter Rosemary geistig behindert war, woraufhin ein Aufsehen und ein radikales Umdenken in der öffentlichkeit einsetzte, was diese bisher vergessene Minderheit betraf. 1946 begründete die Kennedy-Familie eine Stiftung zur Förderung von Menschen mit Geistigbehin-derungen, die mit fantastischen finanziellen Mitteln ausgestattet war. 1961 bis 1963 brachte Präsident John F. Kennedy Gesetzesvorlagen mit dem Ziel auf den Weg, soziale Reformen für die Gruppe Behinderter einzuleiten, die schließlich Gesetzeskraft erlangten. Viele der heute in den USA als selbstverständlich betrachteten gesetzlichen Grundlagen gehen auf Kennedys Initiativen zurück. 1968 begründete Eunice Kennedy Shriver olympische Spiele für diesen Personenkreis, die bis auf den heutigen Tag fortgeführt werden. Bekanntlich ist die mitteleuropäische Tradition davon nicht unbeeindruckt geblieben.

Man muß sich nochmals vor Augen halten: Diese Entwicklungen waren zu einem großen Teil den Aktivitäten der Familie Kennedy zu danken, die aus persönlicher Betroffenheit aktiv wurde.

Mir drängt sich ein ziemlich unchristliches Gedankenspiel auf: Wäre es für unser Anliegen nicht von Vorteil, wenn eine größere Zahl unserer Politiker selbst Betroffene wären, wenn also das Bild des jungen, dynamischen, hemdsärmeligen, arroganten, durchsetzungsfähigen Politikers ergänzt würde um eine für Behinderungen sensibilisierte und engagierte Facette?

Im politischen Alltagsgeschäft der Nachwendezeit, das mußten wir nicht nur in Brandenburg erfahren, gehen die für ein

zivilisiertes Staatswesen eigentlich selbstverständlichen moralischen Grundfeste mehr und mehr verloren, Apelle gehen ins Leere und werden achselzuckend mit dem Statement konterkariert: „Moral muß auch bezahlbar sein".

Ob die nächste Zukunft wohl ein Umdenken bringen wird, ohne daß man unseren Politikern weniger Distanz und mehr persönliche Betroffenheit an den Hals wünschen muß? Auch diese Ausgabe der Heilpädagogischen Forschung hat Themen zum Inhalt, die aus humaner, sozialpolitischer und fachlicher Sicht zum Himmel schreien. Wir wünschen uns dafür eine breites, aufgeschlossenes, engagiertes Lesepublikum.

Ihr Herbert Goetze

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aktualisiert am 30.01.2003