Editorial aus: Heilpädagogische
Forschung Nr. 11999
Von Herbert Goetze Mit dieser ersten Ausgabe des Jahres 1999 tritt eine änderung bei der
Titelgebung unserer Zeitschrift ein, die längst überfällig war: Fortan führen wir als
Untertitel 'Zeitschrift für Pädagogik und Psychologie bei Behinderungen'. Bei allem
Respekt vor der Leistung unserer Herausgebervorgänger war die ältere Bezeichnung in
Zeiten der Dekategorisierung nicht mehr zu rechtfertigen. Das veränderte Erscheinungsbild
wird mancherorts vielleicht gar nicht auffallen. Tatsächlich wird die Veränderung auch
keine inhaltliche Akzentverlagerung bedeuten, sondern vielmehr noch treffender zum
Ausdruck bringen, was das Anliegen dieser Forschungszeitschrift ist: der interessierten
Fachöffentlichkeit des In- und Auslandes aktuelle Erkenntnisse der Pädagogik und
Psychologie bei Behinderungen auf dem Hintergrund vorwiegend empirischer
Forschungsergebnisse nahezubringen. Wir sind dabei bestrebt, eine breite inhaltliche
Palette anzubieten, und scheuen uns dabei auch nicht, ungewohnten Zugängen und neuartigen
Denkmodellen Raum zu geben. In diesem Sinn erwartet Sie auch in diesem Heft ein breites
Angebot unterschiedlicher Provenienz, das inhaltlich von einer weiteren Validierung des
Klauerschen Denktrainings über pädagogisch-therapeutische Hilfen im Rahmen ambulanter
schulischer Dienste für Schüler mit Verhaltensstörungen, über die Auswirkungen des
sexuellen Kindesmißbrauchs auf kognitive Prozesse, über die (mangelnde) Effizienz des
Förderunterrichts an Grundschulen bis hin zum Angebot eines neueren Erklärungsmodells
für Verhaltensauffälligkeiten bei Personen mit geistiger Behinderung reicht.
Jens Möller hat das inzwischen weit verbreitete Denktraining für Jugendliche von
Klauer bei 60 lernbehinderten Jugendlichen daraufhin überprüft, ob Trainingseffekte
unterschiedlich sind, wenn in leistungshomogenen oder in leistungsheterogenen Gruppen
trainiert wird; er hat darüber hinaus Booster-Sessions (Nachfolgesitzungen) auf ihre
Wirksamkeit überprüft. Barbara Gasteiger Klicpera und Christian Klicpera haben eine
größere Stichprobe von Betreuungslehrern und Schülern nach ihrer Einschätzung der
Notwendigkeit therapeutischer Hilfe befragt; offensichtlich gibt es jedoch Unterschiede in
der Selbsteinschätzung von Schülern und der Fremdeinschätzung durch die Lehrkräfte
bezüglich der Hilfebedürftigkeit. Der Beitrag von Sacha Bunge wird vermutlich Aufsehen
erregen, denn er befaßt sich mit einem Aspekt des sexuellen Kindesmißbrauchs, der
forschungsbezogen bisher deutlich vernachlässigt worden ist, den Auswirkungen auf
Denkprozesse und schulisches Leistungsverhalten. In der Untersuchung von Wilfried Hingst
ist der Deutsch-Förderunterricht daraufhin überprüft worden, ob und in welchem Ausmaß
Grundschulkinder davon profitieren. Die Ergebnisse sind genauso überraschend wie
bestürzend. Sven Bielski schließlich überträgt das von ihm favorisierte, neue
hermeneutische 'Modell des sozialen Austausches bei Kindern' von Dodge auf das Lernen
geistig behinderter Kinder, um damit die Entstehung von Verhaltensauffälligkeiten bei
dieser Gruppe zu erklären, Interventionsmöglichkeiten abzuleiten und
Integrationsbestrebungen zu kommentieren.
Hinweise auf Veranstaltungen und einige Buchrezensionen schließen unser erstes
Heft des 25. Jahrganges der HEILPäDAGOGISCHEN FORSCHUNG ab, die nunmehr im dritten Jahr
erfolgreich an der Universität Potsdam geführt wird. Vielleicht fällt Ihnen beim
Durchblättern nicht nur der leicht veränderte Untertitel, sondern auch der größere
Umfang des Heftes ins Auge?
Ihr Herbert Goetze |