Der bevorstehende Jahreswechsel gibt zu mancherlei
überlegungen Anlass, die sich auf die Vergangenheit und auf die Zukunft richten. Dieses
Editorial ist jedoch nicht der rechte Ort, eine Jahr hunderte alte Tradition der
Behindertenpädagogik Revue passieren zu lassen und weiträumige Perspektiven zu
entwickeln. Ich möchte dieses Editorial dennoch dazu nutzen, rückblickend einige Aspekte
der Behindertenpädagogik und der mit ihr befassten Forschung anzusprechen und
Konsequenzen für die Zukunft abzuleiten.
Der Begriff der Wende" bzw. Wendezeit" erscheint mir zwar als
etwas fade und abgestanden, dennoch scheint er auf die gegenwärtige Situation der
Behindertenpädagogik zu passen, da sie vor einschneidenden änderungen steht, die
möglicherweise ihre gesamte Existenz in Frage stellen könnten. Hatten wir uns in den
siebziger Jahren noch auf sicherem Terrain gewähnt, auf dem sich Euphorismen leichtfertig
entwickeln ließen, so zeigten sich bald auch Gegenbewegungen aus unterschiedlichen
Richtungen und Beweggründen, die Unternehmung Behindertenpädagogik" gänzlich
in Frage zu stellen. Offensichtlich hatten vierzig Jahre Nachkriegsentwicklung unseres
Faches nicht ausgereicht, zu unhinterfragbaren Qualitätsstandards einer Sonderpädagogik
zu kommen, der Sozialpolitik, Ressourcenverknappung und Frontalangriffe nichts mehr
anhaben konnten, nein: Was wir für Selbstverständlichkeiten in Versorgung, Bildung und
Forschung unserer Zielgruppen gehalten hatten, war mit einem Mal nicht mehr
selbstverständlich; auf vielen Ebenen wurden uns Kompromisse aufgenötigt, die wir zu
schließen vorher nie bereit gewesen wären. Fast so will es mir scheinen
sind wir in einen Erstarrungszustand verfallen, aus dem heraus rationale Problemlösungen
kaum noch möglich sind. Wer hätte es für möglich gehalten, dass die Linderung der Not
Behinderter von der Kassenlage abhängig gemacht wird?
Wer hätte vor kurzer Zeit daran gedacht, dass überlegungen, die Lehrerausbildung
und damit auch die Sonderlehrerausbildung zu ent-akademisieren, konkrete
Gestalt annehmen?
Wer hätte schon daran gedacht, dass die Schraube der Entwicklung des Behindertenwesens
einmal zurück gedreht und dies auch noch als Fortschritt" verkauft werden
würde?
Die Behindertenpädagogik steht unter einem starken Druck, die Qualität ihrer
Arbeitsweisen überzeugend unter Beweis stellen zu müssen. Wie in anderen Bereichen
unseres Gesellschaftssystems steht die Konkurrenz schon startbereit, die Aufgaben
besser und billiger" zu übernehmen. Auch unter solchen Vorzeichen kann es
geschehen, dass die Behindertenpädagogik in Beweisnot kommt, die Güte ihrer Leistungen
zu belegen. Zu viele Beispiele einer verfehlten Kultur der Besetzung von Positionen an
Hochschulen und der Verschriftlichung vermeintlich wissenschaftlicher Erkenntnisse haben
sich angehäuft, als dass sich Kritiker beruhigen und Gegner geschlagen geben könnten.
Die Situation wird auch dadurch nicht aufgewertet, dass maßgebliche Forschung in
unserem Fach nicht von Sonderpädagogen, sondern von Psychologen, Medizinern, Soziologen
geleistet wird, die früher als Hilfswissenschaftler" für die Sonderpädagogik
etikettiert worden sind. In meiner nunmehr zehnjährigen Herausgebertätigkeit musste ich
entsprechende Erfahrungen machen, dass die von den Hilfswissenschaftlern"
eingereichten Manuskripte einen vergleichsweise höheren Qualifikationsstandard aufwiesen.
Ich beneide da meine amerikanischen Herausgeberkollegen etwas, die aus einer Fülle
hochwertiger Manuskripte schöpfen und manches in der Versenkung verschwinden lassen
können, was hierzulande noch als publikationswürdig akzeptiert wird oder
umgekehrt: Kaum eines der hier zur Veröffentlichung eingereichten Manuskripte würde dort
akzeptiert.
Mit der im kommenden Jahrhundert bevorstehende globalen öffnung der Märkte wird der
Qualitäts- und Konkurrenzdruck vermutlich noch schärfer, denn wir werden uns den
international üblichen Standards zu unterwerfen haben, und im internationalen Vergleich
schneidet die deutschsprachige Sonderpädagogik nun einmal nicht besonders gut ab, wenn
man die üblichen Kriterien (wie den Social Science Citation Index) anlegt.
Wie immer man diese bevorstehenden Entwicklungen bewerten mag, wir werden uns ihnen
nicht in den Weg stellen können, wir werden vielmehr lernen müssen, mit ihnen
zurechtzukommen. Ich selbst muss allerdings bekennen, dass ich diesem bevorstehenden Trend
nicht mit Sorge, sondern eher mit Gelassenheit entgegensehe. Ich vermute, diese
Entwicklungen werden eher der Qualitätssteigerung als der Qualitätsminderung dienen und
mittelfristig die Spreu vom Weizen" trennen.
Man darf sich allerdings heute schon fragen, was aus den uns lieb gewordenen
westeuropäischen Denktraditionen der Behindertenpädagogik werden wird, ob sie untergehen
oder überleben werden. Ich vermute: Vieles, was sich fachwissenschaftlich an Aussagen
nicht halten lässt, wird schlicht von der Bildfläche verschwinden. Anderes wird mit
Sicherheit Bestand haben, was sich an den internationalen Regeln wissenschaftlichen
Vorgehens orientiert und auf den zu erwartenden Trend des massiven Technologie-Einbezugs
eingerichtet hat. überleben werden solche Ansätze, die sich nicht der Propaganda
abgehobener Absichtserklärungen und Zielvorstellungen anheim gegeben haben, sondern deren
wissenschaftlich kontrollierte, konkrete Umsetzung im Sinne einer
technologieunterstützten sonderpädagogischen Interventionsforschung mit ihren
Voraussetzungen auf die Fahnen geschrieben haben.
Die HEILPäDAGOGISCHE FORSCHUNG wird sich diesen Zielsetzungen weiter öffnen und
beständig daran mitwirken, eine zukunftsweisende Publikationspolitik zu realisieren. In
diesem Sinn wünsche ich Ihnen weiterhin eine anregende wissenschaftliche Lektüre, die
Ihnen diese Fachzeitschrift auch in den auf uns unweigerlich zukommenden Zeiten bieten
wird.